Über Grenzen geschaut

Über Grenzen geschaut

Kirche, Mitmenschlichkeit hört ja nicht in unserer Pfarre auf und Wissen um andere Kulturen und andere Religionen kann und soll weltverbindend wirken.

Betreut wird diese Seite von Fritz Brugger (40), Theologe und Sozialethiker, arbeitete von 1996 bis 2002 für die Schweizerische Entwicklungsorganisation Helvetas. Er bereiste Afghanistan im August 2002. Heute arbeitet er als selbständiger Consultant für Entwicklungsfragen.”

Und ich danke Fritz, meinem Bruder sehr dafür, dass er auf den Seiten unseres Vereines mitgearbeitet hat.

 

Der Bleistift in meiner Hand

Momentaufnahmen und Begegnungen in Afghanistan

Stahlblauer Himmel, sandfarbene Weite, ein paar Häuser, die mit der Landschaft verschmelzen. 13 Uhr ist vorbei in Nahwour und die Sonne scheint wie sie das seit vier Jahren ununterbrochen zu tun pflegt ohne dem Regen nur einen Tag das Feld zu räumen. 35 Grad ist es heiß, hier im zentralen Hochland Afghanistans, in Winter werden es 20 Grad unter Null sein. Aus dem Nichts tauchen fünf Knaben auf und schauen am Eingang der einzigen Krankenstation im Umkreis von zwei Tagesmärschen vorbei. Sie kommen aus der Schule; seit zweieinhalb Stunden seien sie unterwegs, sagt Asmat, und weil morgen Sonntag ist, sei heute schon um elf Schulschluss gewesen. Macht fünf Stunden Fußmarsch für vier Stunden Rechnen, Lesen und Schreiben, für acht Stunden an den gewöhnlichen Wochentagen. Und Abmarsch von zuhause um halb fünf, sechsmal die Woche.

Asmat und seine Kollegen packen für uns ihre Schulbücher aus. Millionen davon wurden gedruckt und verteilt, als vor einem guten Jahr die ‚Back to School’ Kampagne in Afghanistan nach der Taliban-Herrschaft und langen Bürgerkriegsjahren startete. Anstatt der 1,5Mio erwarteten Schüler kamen doppelt so viele und die Bücher, für alle Stufen von 1-12 gedruckt, reichten nirgends hin. Fünf von sechs Schülern sitzen in der ersten Klasse – kecke Erstklässler üben mit 14- und 15-jährigen das Alphabet.

„Gedruckt wurde eine überarbeitete Version der Bücher, die schon in den 80er Jahren während der Zeit der russischen Besatzung durch die Amerikaner verteilt wurden“, wird uns später Jenny von Unicef in Kabul sagen. „Ursprünglich entstanden sie in Zusammenarbeit der University of Nebraska mit den Mujaheddin und waren alles andere als frei von Islamismus und Propaganda. Für die ‚Back to School’-Kampagne wurden solche Passagen überarbeitet; nötig wäre aber ein von Grund auf neu erarbeitetes Lehrmittel.“

Doch bis dahin ist noch ein langer Weg. Wir fahren in Kabul vom unicef-Büro ins Karte Ze, vorbei an den Trümmerhaufen und Einschusslöchern von 23 Jahren Besatzung, Bürgerkrieg und Taliban, vorbei an einem ehemaligen Lehrer-Ausbildungszentrum, dessen Mauer-Überreste noch knapp ahnen lassen dass Afghanistan in den 70er Jahren ein funktionierendes Bildungssystem kannte. Heute haben gerade mal 15% der praktizierenden Lehrer eine entsprechende Ausbildung, der Rest hat im besten Fall 12 Schuljahre absolviert. Und die Regierung kann nicht einmal der bescheidene Lohn von monatlich 30 Dollar (zum Vergleich: ein ungelernter Taglöhner verdient 2, ein gelernter 4-5 Dollar pro Tag) ausbezahlen – von Aus- oder Weiterbildung ganz zu schweigen. Am Hajigag-Pass begegnen wir in einem Dorf auf 3000 Meter über dem Meeresspiegel einem Lehrer, der seit über einem Jahr keinen Lohn mehr erhalten hat. In Nahwour bezahlen die Eltern den Lehrer, in anderen Gemeinden helfen sie mit Naturalien.

Das Bedürfnis nach Ausbildung und Schulen ist groß: ob in Dashtanaw, in Nahwor, Syakok oder Sheik Ali – wo immer wir mit den Leuten reden, fragen sie uns nach Schulhäusern. Zwar gehen jetzt wieder 3Mio Kinder zur Schule, doch ebenso viele sind noch zuhause, 69% der Bevölkerung (79% der Frauen und 49% der Männer) sind Analphabeten. Besonders Mädchen werden nicht in den Unterricht gelassen, wenn – wie in Nahwour – der Weg zu weit ist.

Unser Weg führt nach Bamian, dem Ort der zerstörten Buddhas, auf eine Baustelle. Shuhada, die grösste afghanischen NGO baut hier ein Schulhaus in dem 2400 Schülerinnen und Schülern verschiedener Ethnien – v.a. Hazara und Pashtunen – zur Schule gehen werden. Luxuriös wird der Bau nicht sein, aber funktional: Eine Wandtafel pro Zimmer, 40 Stühle mit integriertem Schreibtisch und ein Schulbetrieb in zwei Schichten. Shuhada führt 52 eigene Schulen mit 1’300 Lehrkräften und 36’000 Schülerinnen und Schülern. Im Ortsteil Shourk Ghoul betreibt Shuhada zudem eine Teppichknüpfwerkstätte als Ausbildungsprojekt speziell für Frauen, das ihnen eine Einkommensbasis verschafft. Unter den 27 jungen und älteren Frauen an den Knüpfrahmen sitzen aber vereinzelt auch Mädchen, gerade zehn Jahre alt, die wir eigentlich in der Schule erwarten würden – und das bei einer Entwicklungsorganisation!? Sima Samar, die Gründerin und Leiterin von Shuhada sagt dazu: „Es gibt Familien, die es sich nicht leisten können, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil sie auf deren ökonomische Einkommen angewiesen sind. Das ist eine Realität.“ Hier lernen sie ein halbes Jahr, verdienen 15 Dollar pro Monat, haben am Schluss einen eigenen Webrahmen, einen Teppich zum Verkaufen sowie Wolle für einen neuen. „Und“, betont Kebir, der für das Zentrum zuständig ist, „jeden Tag ist eine Stunde für Alphabetisierungsunterricht reserviert.“

Das Thema ‚Bildung für Frauen’ ist ambivalent, der Einfluss von Kultur, Religion und Politik unvermindert groß und die Durchsetzungskraft der Zentralregierung gering: Während Anfang Januar 2003 Ismael Khan, der mächtige Warlord des afghanischen Westen aus religiösen Gründen verboten hat, dass in seinem Machtbereich Männer Frauen unterrichten dürfen – was wegen Mangel an weiblichen Lehrkräften faktisch Frauen von der Bildung ausschließt – haben am Welt-Frauentag (8. März) das Erziehungs- und das Frauenministerium in Kabul das erste Textbuch, speziell von Frauen für Frauen entwickelt, vorgestellt.

Den Unterschied machen letztlich Menschen wie Alima aus. Wir haben sie in Kabul kennenglernt. Alima ist Mitte vierzig, Lehrerin und eine selbstbewusste Frau. „Der Bleistift in meiner Hand ist ein Blume…….“, rezitieren zwei Mädchen in ihrer Klasse ein afghanisches Gedicht. Alima hatte trotz Verbot und trotz großem Risiko schon unter den Taliban Mädchen unterrichtet: Als Hausangestellte getarnt schlichen noch vor zwei Jahren eine Handvoll Mädchen zu Alima nach Hause. Heute lachen hundert Mädchen in der Pause auf dem Schulhof und schieben sich gegenseitig vor meine Kamera.